Wann du beim Studieren deinen Kopf ausschalten solltest

von Tim Reichel

Manchmal kann beim Studieren zu viel Denken von Nachteil sein. Für die Gefahr des „Zu-viel-Denkens“ sind Studenten besonders anfällig. Diese Tipps helfen...

Es war einmal ein intelligenter Tausendfüßler, der in einem Haus lebte. Eines Tages schaute er von einer Tischkante hinüber zu einem anderen Tisch, auf dem ein Zuckerkörnchen lag. Schlau, wie er war, hielt er kurz inne und überlegte sich, wie er am geschicktesten dorthin gelangen konnte.

Erst dachte er darüber nach, ob er über die linke oder die rechte Seite des Tisches herunterkrabbeln sollte. Dann widmete er sich der Frage, mit welchem Bein er idealerweise den Weg beginnen würde, in welcher Reihenfolge er die anderen nachziehen könnte und so weiter. Er war akademisch ausgebildet und in Mathematik geschult – also rechnete er alle Varianten durch und entschied sich für die beste.

Schließlich machte er den ersten Schritt. Doch vor lauter Denken verhedderte er sich, kam nicht vom Fleck und verhungerte.

Leider kein Happy End.

Und leider ergeht es Tag für Tag vielen Studenten genauso wie dem armen Tausendfüßler: Sie denken zu viel nach. In Situationen, in denen entschlossenes Handeln gefordert ist, grübeln sie stundenlang vor sich hin, machen sich unnötige Gedanken und verpassen damit tolle Gelegenheiten. Anstatt den Kopf auszuschalten und einfach mal zu machen, denken sie die Dinge kaputt und stehen sich damit selbst im Weg.

Die Moral von der kurzen Tausendfüßlergeschichte (die ich übrigens aus Rolf Dobellis großartigem Bestseller „Die Kunst des klugen Handelns“ (Affiliate-Link) geliehen habe) ist aber nicht, dass du grundsätzlich nicht nachdenken solltest, bevor du zur Tat schreitest. Nein, es geht vielmehr darum, dass du erkennst, wann Situationen vorliegen, in denen es auf schnelle intuitive Aktion ankommt – und wann nicht.

Schauen wir uns das etwas genauer an.

 

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Kopf aus, Erfolg an – zumindest manchmal

Von der Gefahr des „Zu-viel-Denkens“ sind häufig gebildete Menschen betroffen, die über einen großen Wissensfundus verfügen. Kopfarbeiter, wie Studenten, passen ganz hervorragend in diese Kategorie und sind deshalb besonders anfällig. Anstatt sich auf ihr Gefühl und die ausgebildeten Instinkte zu verlassen, misstrauen sie ihrem ersten Impuls und ziehen sich in die Welt des logischen Denkens zurück. Nur leider ist das manchmal nicht der beste Weg.

Doch was geschieht eigentlich, wenn zu viel Denken das Handeln blockiert oder zu falschen Entscheidungen führt?

Dobelli beschreibt es so: „Wenn man zu viel nachdenkt, schnürt man den Kopf von der Weisheit der Gefühle ab.“ Und weiter: „Emotionen entstehen genauso im Hirn wie glasklare, rationale Gedanken. Sie sind bloß eine andere Art der Informationsverarbeitung als das rationale Denken – eine ursprünglichere aber nicht notwendigerweise schlechtere. Oft eben sogar eine bessere.“

Die Frage ist nur: Wann soll man nachdenken und wann auf sein Bauchgefühl vertrauen?

 

Wann es besser ist, den Kopf auszuschalten

Im Duell Kopf gegen Bauch gibt es keinen klaren Favoriten, der in einer beliebigen Situation zu bevorzugen ist. Es ist jedes Mal aufs Neue eine Frage der Abwägung. Doch es gibt Faustregeln, die dir die Entscheidung erleichtern können und empirisch nachgewiesene Bereiche, in denen du eher auf dein Gefühl hören und langes Nachdenken vermeiden solltest.

Dazu habe ich fünf Beispiele aus dem Alltag für dich zusammengestellt.

 

1. Bei eingeübten motorischen Fähigkeiten

Wenn du körperliche Tätigkeiten wie Gehen, Autofahren oder Schreiben ausführst, denkst du besser nicht nach. Zumindest nicht über die körperliche Bewegung selbst. Deine Beine setzen sich fast automatisch voreinander; du kuppelst, schaltest und blinkst im Autopilot; und deine Finger finden von selbst die richtigen Stellen auf deiner Tastatur, wenn du die Bewegung oft genug einstudiert hast. Langes Nachdenken blockiert diesen Prozess nur (siehe toter Tausendfüßler).

 

2. Bei Routine-Aufgaben

Auch bei komplexeren Bewegungsabläufen oder geistigen Arbeiten, die zu deinen festen Routine-Aufgaben zählen, kann intensives Nachdenken zum Problem werden. Deine Gedanken sabotieren die intuitive Lösungsfindung dann und halten dich von einer effizienten Arbeitsweise ab. Beispiel: Wenn du eine schriftliche Formulierung schon 100 Mal benutzt hast und weißt, dass sie in deinem Text funktioniert, solltest du sie an geeigneter Stelle wieder einsetzen, ohne lange darüber nachzudenken. Wenn du bereits 100 Mathematikaufgaben mit einer Formel richtig gelöst hast, solltest du deine Vorgehensweise bei Aufgabe Nummer 101 nicht hinterfragen – sondern einfach handeln.

 

3. In Vertrauensfragen

Für Entscheidungen, vor denen schon unsere Steinzeitvorfahren standen, ist es ratsam auf sein Bauchgefühl zu hören. Dazu zählen zum Beispiel die Flucht bei bevorstehender Gefahr, die Bewertung von Nahrungsmitteln und die Wahl von Freunden oder Vertrauten. Für diese Situationen hat die menschliche Evolutionen Heuristiken (Dobelli: „Denkabkürzungen“) entwickelt, die uns in Fleisch und Blut übergegangen und dem rationalen Denken deutlich überlegen sind. Soll heißen: Wenn du die Straße überquerst und ein Bus auf dich zufährt, solltest du abhauen, anstatt den zunächst den Bremsweg auszurechnen.

 

4. Wenn du keine Kontrolle hast

Jeder von uns gerät hin und wieder in Situationen, die sich teilweise oder vollständig unserer Kontrolle entziehen. Wir haben dann keinen oder nur eingeschränkten Einfluss auf die Dinge, die passieren werden. Viele Menschen bilden sich in solchen Fällen entweder ein, sie könnten die Lage (aller Fakten zum Trotz) doch kontrollieren oder malen sich in Gedanken die dunkelsten Szenarien aus. Beides führt dazu, dass sich unsere Situation nicht verändert – denn wir können sie ohnehin nicht kontrollieren. Das Einzige, was passiert, ist, dass wir Energie und Aufmerksamkeit für mögliche Handlungen verlieren, weil wir Ressourcen fürs Denken verbrauchen, obwohl diese Tätigkeit völlig sinnlos ist. Mach dir deshalb weniger Gedanken in Situationen, die von anderen Menschen beeinflusst werden können, wie zum Beispiel vor einer mündlichen Prüfung oder einer Präsentation.

 

5. Wenn du dich im Flow befindest

Kennst du diese Phasen, in denen es einfach läuft? Ein Erfolg jagt den nächsten; alles scheint dir zu gelingen. Du bist motiviert, produktiv und könntest stundenlang weitermachen. Du befindest dich im Flow. Dieses Phänomen gibt es wirklich. Es ist der beste Arbeitszustand, der dir passieren kann. Wenn du deinen Flow allerdings sofort beenden und in alte, schlechte Gewohnheiten zurückfallen möchtest, brauchst du nur eine Sache zu tun: darüber nachdenken. Sobald du versuchst, deinen Energie- und Konzentrationslevel zu analysieren, fällt dein produktiver Zustand in sich zusammen. Das Gegenteil gilt übrigens häufig für negative Trends: Wenn du dir eine Pechsträhne bewusst machst und dir dadurch selbst einredest, dass es für dich nicht gut läuft, wird sich diese Tendenz verstärken. Wenn du dich das nächste Mal also im Flow befindest – denke nicht darüber nach. Genieße einfach die positive Entwicklung oder nimm den Abwärtstrend als natürliche Schwankung hin. Damit surfst du am besten auf der Welle.

 

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Fazit

Denken ist schwierig. Doch manchmal ist genau dieses Denken die falsche Herangehensweise und steht deinem persönlichen Erfolg im Weg. Allerdings kann Nichtdenken häufig noch schwieriger sein – in einigen Fällen ist es sogar das schwierigste auf der Welt.

Menschen, die zum logischen und andauernden Nachdenken ausgebildet wurden – und dazu zählst du sehr wahrscheinlich – benutzen ihren Kopf in der Regel zu häufig. Sie zerdenken tolle Chancen, weil sie sich nicht trauen, auf ihr Bauchgefühl zu hören und ihrer Intuition zu folgen. Damit dir das in Zukunft seltener passiert, habe ich diesen Artikel für dich geschrieben.

Doch versteh mich nicht falsch: Nachdenken ist gut. Es gibt genug stumpfe und unvernünftige Menschen, die aus bloßer Laune heraus dumme Entscheidungen treffen und sich dann auch noch dafür feiern. Du sollst keiner davon werden.

Du darfst dir nur nicht selbst im Weg stehen, weil du die Gelegenheiten verpasst, in denen du deinen Kopf aus- und dein Gefühl einschalten solltest. Erlaube dir selbst etwas mehr Gefühl. Vertraue ein bisschen mehr auf deinen Instinkt und denke die schönen Dinge des Lebens nicht kaputt. Das hat unterm Strich nämlich auch nichts mit Intelligenz zu tun.

 

Bild: © Pana Vasquez / unsplash.com
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Autor

Tim Reichel

Tim ist Autor, Wissenschaftler und der Gründer von Studienscheiss. Seit über acht Jahren arbeitet er als Fachstudienberater und löst Probleme im Studium. Außerdem hält er Vorträge, veranstaltet Seminare und schreibt Bücher. Hier erfährst du mehr über Tim Reichel

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