Wie dich der Cliffhanger-Effekt (Zeigarnik-Effekt) vom Lernen abhält

Wie dich der Cliffhanger-Effekt vom Lernen abhält – und was du dagegen tun kannst

von Tim Reichel

Der Cliffhanger-Effekt (Zeigarnik-Effekt) kann dich vom Lernen abhalten und damit deinen Erfolg im Studium verhindern. Diese Tipps und Strategien helfen dir...

Mit 180 km/h raste sie die schmale Straße entlang. Der erste Schuss verfehlte sie nur knapp; der zweite traf ihr linkes Hinterrad. Wie durch ein Wunder gelang es ihr, den Wagen auf der schmalen Bergstraße zu halten. Als sie endlich zum Stehen kam, brauchte sie einen Moment, um zu realisieren, was gerade passiert ist. Hektisch griff sie nach der Festplatte im Handschuhfach und löste ihren Sicherheitsgurt. Die Scheinwerfer im Rückspiegel kamen immer näher. Mit geladener Waffe sprang sie aus dem Auto.

Fortsetzung folgt.

Ein klassischer Cliffhanger. Besonders Fernsehserien nutzen den Cliffhanger-Effekt, indem sie eine Folge mit einer ungelösten Situation beenden. Genau dann, wenn es richtig spannend wird, gibt es eine Unterbrechung. Der Grund dafür ist einfach: Unser Gehirn reagiert stärker auf Unvollständiges als auf abgeschlossene Dinge. Unsere Gedanken werden emotional gebunden und wir kehren mit hoher Wahrscheinlichkeit zurück, um die Lösung des Problems zu erfahren.

Doch diesen Mechanismus gibt es nicht nur in der Unterhaltungsbranche. Auch im Studium und während deiner täglichen Arbeit kann dich der Cliffhanger-Effekt in seinen Bann ziehen. Allerdings mit weitreichenden Folgen – und diese sind überwiegend negativ. Wann du besonders gefährdet bist und was du dagegen tun kannst, erkläre ich dir nach einer kurzen Werbeunterbrechung.

 

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Woher stammt der Cliffhanger-Effekt?

Der Cliffhanger-Effekt geht auf die Wissenschaftlerin Bluma Zeigarnik zurück. Als Zeigarnik noch Psychologie studierte, machte sie während eines Restaurantbesuchs eine interessante Beobachtung: Einer der Kellner konnte sich die größten und kompliziertesten Bestellungen merken – ohne sich Notizen zu machen. Jeder Gast bekam die richtigen Speisen und Getränke serviert. Sobald der Auftrag jedoch erledigt war, löschte der Kellner die Informationen vollständig aus seinem Gedächtnis. Im Anschluss wusste er nicht mal mehr, ob er jemandem einen Kaffee oder eine Pizza serviert hatte.

Beindruckt von dieser Tatsache entwickelte Zeigarnik zusammen mit Kurt Lewin eine experimentelle Studie, bei der Probanden verschiedene Aufgaben aus dem Alltag lösen sollten. Einige dieser Aufgaben durften die Teilnehmer vollenden, bei anderen wurden sie mittendrin unterbrochen. Danach prüfte Zeigarnik, an wie viele ihrer Aufgaben sich die Testpersonen noch erinnerten.

Auch hierbei konnten sich die Teilnehmer jene Aufgaben besser merken, die sie nicht vollendet hatten. Der Unterscheid zu den abgeschlossenen Aufgaben war erheblich: Die unerledigten Dinge blieben fast doppelt so gut im Gedächtnis – und das unabhängig vom Alter, Bildungsgrad und gesellschaftlichem Stand der Probanden.

Dieser Zusammenhang wird seitdem als Zeigarnik-Effekt – oder etwas bildlicher: als Cliffhanger-Effekt – bezeichnet.

 

So funktioniert der Cliffhanger-Effekt

Der Cliffhanger-Effekt beschreibt also, dass unerledigte Aufgaben besser im Gedächtnis bleiben als abgeschlossene Tätigkeiten. Der Grund dafür liegt in der mentalen und emotionalen Spannung, mit deren Hilfe wir uns unseren Aufgaben widmen.

Wenn wir ein Problem vor uns haben, bauen wir geistigen Druck auf. Wir setzen uns ein Ziel, überlegen uns Lösungsmöglichkeiten und wägen verschiedene Handlungsalternativen gegeneinander ab. Diese innere Spannung begleitet uns während der kompletten Bearbeitungszeit einer Aufgabe – und sie löst sich erst dann auf, wenn wir die Aufgabe abgeschlossen haben.

Bis dahin bleibt dieser Druck bestehen und sorgt dafür, dass uns die offenen To-dos weiter im Gedächtnis herumspuken. Grundsätzlich ist das gut, weil uns diese natürliche Erinnerungsfunktion dabei hilft, wichtige Herausforderungen abzuschließen. Die negativen Seiten des Zeigarnik-Effekts können jedoch Überhand nehmen und deine Konzentration zerstören.

 

Nachteile des Cliffhanger-Effekts

Besonders für Kopfarbeiter – und dazu zählen Studenten ganz besonders – kann der Zeigarnik-Effekt verheerende Folgen haben. Dies sind die fünf größten Nachteile:

  • Unerledigte Aufgaben blockieren deine geistigen Ressourcen.
  • Erledigte Aufgaben und gelerntes Wissen werden teilweise aus deinem Gedächtnis verdrängt.
  • Deine Konzentration beim Lernen wird durch die Erinnerung an offene To-dos gestört.
  • Deine Gedanken werden durch die natürliche Erinnerungsfunktion fremdgesteuert.
  • Du fühlst dich aufgrund von unerledigten Aufgaben durchgehend großem Druck ausgesetzt.

Der Cliffhanger-Effekt nimmt keine Rücksicht auf deine Prioritäten. Eine sabotiert deine Konzentration und zieht deine Aufmerksamkeit immer wieder auf unerledigte Aufgaben, die aktuell nicht besonders wichtig sind. Das ist nicht nur schlecht für dein Zeitmanagement und deine Produktivität, sondern ganz besonders für dein Glücksempfinden.

Doch dagegen kannst du etwas tun.

 

So bleibst du beim Lernen fokussiert

Der Cliffhanger-Effekt ist ein natürlicher Trieb und daher nur schwer (oder gar nicht) abzuschalten. Doch mit der richtigen Strategie kannst du dieses Verhaltensmuster abschwächen und letztendlich für dich nutzen. Hier sind fünf nützliche Tipps.

Tipp #1: Praktiziere Singletasking!

Der Zeigarnik-Effekt tritt besonders stark auf, wenn wir viele unterschiedliche Aufgaben in kurzer Zeit bearbeiten – diese jedoch nicht abschließen. Vermeide daher Multitasking und kümmere dich um eine Aufgabe nach der anderen. Bei diesem Singletasking bündelst du deine Konzentration und schärfst deinen Fokus. Dadurch beendest du deine Aufgaben unter dem Strich schneller und dazu noch in einer besseren Qualität.

Lesetipp: Das verblüffend einfache Geheimnis hochproduktiver Studenten

Tipp #2: Reduziere Ablenkungen!

Genauso schlimm wie Multitasking sind Störungen beim Lernen. Jede Unterbrechung stiehlt deine Aufmerksamkeit und nimmt wertvolle Ressourcen in einem Gehirn in Anspruch. Vermeide daher jede Form von Ablenkungen und fremden Einflüssen, die nichts mit deiner aktuellen Aufgabe zu tun haben. Jeder externe Impuls (und sei er noch so winzig) schwächt deine Produktivität.

Lesetipp: Wie du Ablenkungen beim Lernen ausschaltest und nie wieder deine Konzentration verlierst

Tipp #3: Führe eine Side-List!

In der Regel ist es nur eine Frage der Zeit, bis dir beim Lernen störende Gedanken in den Sinn kommen. Häufig ist nur ein bestimmtes Schlüsselwort oder eine sinnhafte Verbindung nötig, um die Erinnerung an Unerledigtes oder vergessene To-dos herbeizuführen. In diesem Fall empfiehlt es sich, die spontanen Einfälle sofort aufzuschreiben und auf einer sogenannten Side-List zu sammeln. Der Trick dabei ist, dass die unerledigten Dinge damit für das Gehirn vorrübergehend abgeschlossen sind. Die Aufgaben liegen auf Wiedervorlage und du kannst zu deiner aktuellen Aufgabe zurückkehren.

Lesetipp: Wie du mit der GTD-Methode für immer das Chaos in deinem Kopf beseitigst

Tipp #4: Lerne in Intervallen!

Je länger wir uns mit einer Aufgabe beschäftigen, desto anfälliger werden wir für störende Gedanken. Der Grund dafür liegt in unserem Biorhythmus: Der Mensch kann nicht durchgehend konzentriert bleiben; unser Fokus nimmt mit der Zeit automatisch ab. Die Lösung dafür: Pause machen und in Etappen arbeiten. Wie das funktionieren kann, zeige ich dir in diesem Video.

Lesetipp: Durchlernen oder Pause machen? So findest du deinen individuellen Arbeitsrhythmus!

Tipp #5: Kämpfe nicht gegen den Zeigarnik-Effekt an!

Wie bereits erwähnt: Der Cliffhanger-Effekt ist ein natürlicher Erinnerungsmechanismus. Wenn du krankhaft versuchst, dieses Verhaltensmuster zu bekämpfen, wirst du scheitern – und dabei sehr viel Frust erleben. Akzeptiere den Effekt stattdessen und versuche, das Beste aus deinen wiederkehrenden Gedanken zu machen. Nur, wenn du sie zulässt, hast du eine Chance, mit ihnen zu arbeiten und sie (ganz langsam) in eine gewünschte Richtung zu schieben.

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Fazit

Der Cliffhanger-Effekt kann dich vom Lernen abhalten und damit deinen Erfolg im Studium verhindern. Allerdings nur, wenn du es selbst zulässt. Es gibt einfache Strategien, die du gegen diesen Mechanismus anwenden kannst. Damit gewinnst du die Kontrolle über deine Gedanken zurück und kannst die natürliche Erinnerungsfunktion von unerledigten Aufgaben positiv für dich nutzen.

Zum Schluss noch ein kleines Experiment: Versuche einmal abends/vor dem Schlafengehen für 30 Minuten intensiv zu lernen. Schließe das Kapitel, das Thema oder die Übungsaufgabe aber nicht ab – lasse einen kleinen Teil offen. Mache danach auch nichts anderes mehr, sondern gehe direkt ins Bett. Gehe nicht über Netflix, sondern begib dich direkt dort hin.

Mit etwas Übung und Wiederholung wird der Cliffhanger-Effekt dafür sorgen, dass sich die Lerninhalte über Nacht in dein Gedächtnis einprägen. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass dein Unterbewusstsein nachts weiterarbeitet und die letzten aufgenommenen Informationen besonders gründlich verarbeitet.

Damit drehst du den Spieß um – der Cliffhanger-Effekt arbeitet jetzt für dich. Und nicht gegen dich.

 

Bild: © rawpixel / unsplash.com
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Autor

Tim Reichel

Tim ist Bestseller-Autor und der Gründer von Studienscheiss. Seit über sechs Jahren hilft er Studenten und löst Probleme im Studium. Außerdem arbeitet er als selbstständiger Coach und als Fachstudienberater an einer großen deutschen Eliteuniversität.

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