6 Vorurteile über ADHS – und wie du sie wissenschaftlich widerlegen kannst

von Sara Dörwald

In diesen Artikel lernst du die häufigsten Vorurteile über ADHS kennen und gleichzeitig wissenschaftliche Argumente, damit du sie widerlegen kannst.

„Du bist einfach zu faul zum Lernen. Wenn du es wirklich willst, kannst du das doch verstehen. Du musst dich nur konzentrieren und es einfach machen.“

Solche Sätze haben mich schon immer irregemacht. Vor allem, wenn ich sie direkt gesagt bekommen habe. Und das war oft der Fall. Solche Aussagen führen bei mir zu genervtem Seufzen und verdrehten Augen – es gibt so viele davon. Damit lässt sich innerhalb kürzester Zeit ein Bullshit-Bingo der Vorurteile über ADHS füllen.

Viele dieser Vorurteile haben einen wahren Kern, sind aber so undifferenziert, dass es beinahe weh tut, sie hören zu müssen. Sie stigmatisieren, behindern, verhindern, bauen Hürden, belasten. Sie stempeln ab und entzweien. Niemand von uns möchte mit diesen Vorurteilen in eine Schublade gesteckt und dort gelassen werden.

Genau wie ich hören andere ADHSler bestimmte Vorurteile immer wieder. Einige davon werde ich dir in diesem Artikel vorstellen – und gleichzeitig wissenschaftliche Argumente liefern, damit du sie widerlegen kannst.

 

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6 häufige Vorurteile über ADHS – und wie du sie naturwissenschaftlich widerlegen kannst

Es ist frustrierend, in Gesprächen zwar Argumente zu haben, diese aber „nur“ mit der eigenen Erfahrung begründen zu müssen. Damit du künftig nicht mehr vor diesem Problem stehst, zeige ich dir hier passende und naturwissenschaftlich erforschte Antworten auf die 6 häufigsten ADHS-Vorurteile.

 

Vorurteil Nr. 1: ADHS ist eine Modediagnose!

ADHS wird seit einigen Jahren vermehrt diagnostiziert, genau genommen seit den 1990er Jahren. Im Jahr 2007 wurde allerdings eine Studie durchgeführt, die für eine Überdiagnostizierung keine Belege finden konnte. Vielmehr scheint es sogar sehr lange Zeit eine Unterdiagnostizierung gegeben zu haben.

Lehrerinnen und Mitarbeiter in Kitas und Kindergärten werden vermehrt in Studium und Ausbildung für Störungsbilder verschiedenster Art geschult. In meinem Lehramtsstudium hatten wir mehrere Kurse, die sich mit der emotional-sozialen Entwicklung von Kindern in verschiedenen Lebensabschnitten auseinandersetzten und ADS, ADHS und Autismus-Spektrums-Störungen kamen darin ebenfalls vor. Wenn man also nur einen Hammer hat, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus. Sprich: Junge, zappelig, kurze Aufmerksamkeitsspanne – ADHS. Mädchen, träumt vor sich hin, passt nicht auf, ist abgelenkt – ADS.

Eine mögliche Antwort ist also: Diese Diagnose kann stimmen. Es kann aber auch sein, dass die Kinder und später auch die Erwachsenen einfach mit Gedanken und Problemen kämpfen, müde, über- oder unterfordert oder frustriert sind. Hier hören Bezugspersonen also öfter mal die Flöhe husten und statt einer richtigen, ausführlichen Diagnostik wird eine ADHS aufgeschrieben und behandelt.

Bei Dr. House ist es nie Lupus, in der Realität nicht immer AD(H)S.

 

Vorurteil Nr. 2: Du spielst ja nur zu viel am Handy!

Tatsächlich hat eine Studie der University of Virginia an 200 Studierenden gezeigt, dass erhöhter Smartphone-Konsum oder gar eine Smartphone-Sucht ADHS-Symptome hervorrufen kann. ABER: Nur Symptome. Eine ADHS wird dadurch nicht entwickelt, sie kann lediglich verstärkt werden.

Was zählt in diesem Zusammenhang zur ADHS-Symptomatik? Laut der Studie zählt dazu ein erhöhter Grad an Unaufmerksamkeit und Mangel an Fokus, dazu Hyperaktivität, Zappelei, Rastlosigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten.

Bei durch Smartphone-Nutzung hervorgerufener ADHS-Symptomatik helfen Entzug und Verhaltenskorrekturen. Bei einer diagnostizierten ADHS ist das nicht der Fall.

Du brauchst naturwissenschaftliche Argumente? ADHS ist eine Störung im Gehirn. Wie genau sie entsteht und was alles auf sie einwirkt, ist nur begrenzt klar. Genetik, Komplikationen in Schwangerschaft und Geburtsprozess, Umweltfaktoren, psychosoziale Risikofaktoren – all das kann eine ADHS auslösen oder verstärken. In bestimmten Hirnregionen gibt es ein Über- oder Unterangebot von Botenstoffen wie Dopamin und Noradrenalin. Dieses Ungleichgewicht führt dazu, dass eine Aufmerksamkeits-Regulations-Störung entsteht – ein Gehirn mit ADHS ist nur eingeschränkt fähig, seine Aufmerksamkeit zu bündeln und sich und seine Handlungen zu regulieren.

Eine mögliche Antwort ist also, dass ADHS eine neurologische Auffälligkeit ist und bleibt, die nicht einfach „abgeschaltet“ werden kann.

 

Vorurteil Nr. 3: ADHS haben doch nur Kinder!

Diese Aussage ist begrenzt richtig. Oder halt begrenzt falsch. Denn ADHS wird zwar mit Abstand am häufigsten bei Kindern festgestellt und da besteht nochmal ein Unterschied zwischen Jungs und Mädels, aber viele nehmen die ADHS mit ins Erwachsenenalter. Diese dann zu erkennen, wird durch sogenannte komorbide Erkrankungen erschwert – denn adulte ADHS geht oft einher mit Ängsten und Depressionen, Zwangsstörungen, Schlaf- und Entspannungsproblemen, verstärkter Suchtentwicklung und Konflikten bei der Arbeit oder in Beziehungen.

Zwischen all diesen Problemen dann ausgerechnet auf ADHS zu kommen, ist eine schwierige Erkenntnis, die nur mit viel Ausdauer und guter Diagnostik erreicht werden kann. Man hört auch nicht häufig von Erwachsenen mit ADHS, weil eben oft die komorbiden Störungen behandelt werden. Dabei liegt der Prozentsatz an adulter ADHS laut einer Studie des Department of Psychiatry and Clinical Psychology weltweit zwischen 1,2 bis 7,3 Prozent. In einem Land mit höherem Einkommen und industriellem Standard wie Deutschland liegt der Schnitt bei ca. 4,2 Prozent.

Eine mögliche Antwort ist also, dass ADHS auch bei Erwachsenen vorhanden ist, aber selten erkannt wird. Falls dich übrigens jemand nach bekannten Menschen mit ADHS fragen sollte: Da wären beispielsweise Handball-Nationalspieler Andreas Wolff, Schauspieler wie Channing Tatum, Jackie Chan und Will Smith oder Schauspielerinnen wie die Olsen-Schwestern zu nennen.

 

Vorurteil Nr. 4: Du machst einfach zu wenig Sport!

Sport ist in der Tat eine sehr gute Sache, gerade auch für ADHSler. Sowas wie Trampolin springen, Break-Dance, Kampfsportarten, Balancieren, Akrobatik oder ein Mix aus allem wie beispielsweise Parcours kommen dem Bewegungsdrang nach und powern für eine Weile komplett aus. Das Problem dabei ist nur, dass ADHSler extrem risikofreudig sein können. Von drei Metern auf den Asphalt springen? Kein Problem. Doppelter Salto auf dem Trampolin ohne allzu viel Übung? Warum nicht? Und überhaupt, ich wollte schon immer 10 Ziegelsteine mit der Handkante zerschlagen, dafür brauche ich ja auch nicht viel Training…

Diese Risikofreude hat so Manchem schon im Sportunterricht Ärger beschert, denn in einem geregelten Umfeld wie dort ist erhöhter Bewegungsdrang während der Regelerläuterung oder Anstellen beim Hürdenspringen hinderlich. Außerdem ist die Verletzungsgefahr für andere durch diese Impulsivität erhöht.

Generell gilt also: Bewegung ist gut, aber sie muss auf das Individuum abgestimmt sein. Für mich sind beispielsweise Kraftsport und Fußball super, auch für Parcours hege ich großes Interesse. ADHS hat viele Ausprägungen und für viele von uns ist eine eher meditative Sportart wie aktives Yoga oder auch andere nicht so gefährdende wie Leichtathletik am Boden geeignet.

Eine mögliche Antwort ist also, dass Sport den ADHSler für den Moment auspowert und für eine gewisse Zeit danach ist der Bewegungsdrang gestillt. Danach geht es allerdings von vorne los.

 

Vorurteil Nr. 5: Du machst dir nur zu viele Gedanken!

Oh ja, mit diesem ADHS-Vorurteil stimme ich vollkommen überein. Das Problem ist nur wie bei so vielem: Es gibt keinen An- und Ausschalter. Dr. Heiner Lachenmeier, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie hat einen sehr lesenswerten Artikel dazu geschrieben, in dem er herausstellt, dass Probleme mit dem Selbstwertgefühl oft zur „Grundausstattung“ bei ADHS zählen – Selbstzweifel und übermäßiges Nachdenken über vermeintlich große Fehlleistungen gehören dazu.

Wir ADHSler haben einen fehlenden Überblick über Situationen, der „Filter“, der bei neurotypischen Menschen funktioniert und zwischen wichtig und unwichtig, zutreffend und falsch unterscheidet, ist bei uns fehlerhaft oder gar nicht vorhanden. Er lässt einfach alles durch, überfordert unser Gehirn mit den Informationen und das führt zu Erschöpfung, Entscheidungsschwierigkeiten, veränderter Wahrnehmung und Ablenkbarkeit. Wenn wir dann an Aufgaben scheitern, führen wir das auf unsere vermeintliche totale Unfähigkeit zurück und entwickeln auf kognitiver Ebene eine teils fatale Selbstwertproblematik und Angst- sowie depressive Symptomatik. Und so kommen die vielen Gedanken zustande.

Eine mögliche Antwort ist also die Bitte um Verständnis für deine Gedankenkreiselei. Bitte darum, dass dich jemand auf den Boden der Tatsachen zurückholt, auch wenn das darin besteht, dass derjenige dir tausend Mal sagen muss, dass du so gut bist, wie du bist.

 

Vorurteil Nr. 6: Du willst dich ja nur nicht konzentrieren!

Dieses Vorurteil ist kompletter Schwachsinn. Denn es gibt Phasen, in denen es tatsächlich den Eindruck erweckt, man wolle sich nicht konzentrieren – schließlich klappt es doch manchmal! Wenn es funktioniert, dann übrigens so richtig – das nennt man Hyperfokus. Ich nenne das das „concentration rabbit hole“ – wenn ich mich einmal auf eine Sache konzentrieren kann, mich auf etwas eingeschossen habe, dann bleibe ich dabei.

Dieses Extrem wird von Schecklmann et al. Übersetzt durch mich] beschrieben als „intensive Konzentration auf interessante Aktivitäten außerhalb der Routine, die von einer vorübergehend abgeschwächten Wahrnehmung der Umgebung begleitet wird.“ Die Mitbewohner rufen zum Essen? Höre ich nicht. Es wird immer später, ist auf einmal fast Mitternacht? Egal, ich sitze ja erst seit acht Stunden an dieser einen Sache. Das Problem daran: Wenn die Sache nicht spannend ist (zum Beispiel Integralrechnung, wer braucht das?!), dann sind fünf Minuten Konzentration definitiv zu viel verlangt.

Die Antwort ist also, dass du dich sehr gern konzentrieren würdest – es geht nur einfach nicht. Da ist nichts mit „konzentrier‘ dich einfach“ oder „da musst du jetzt durch.“

 

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Fazit

Du hast jetzt sechs Vorurteile über ADHS gelesen, die viele ADHSler immer wieder hören. Für einige kannte ich bis jetzt selbst keine wissenschaftlich unterfütterten Argumente und habe immer nur aus Gefühl geantwortet. Jetzt kannst du sagen, dass deine Probleme und Schwierigkeiten wissenschaftlich erwiesen sind.

Welche weiteren Vorurteile bekommst du immer wieder zu hören, wenn du deine Problematik schilderst? Schreib das gern in die Kommentare, ich werde sie lesen und vielleicht finde ich ja eine Erwiderung für dich!

Wenn du erfahren möchtest, wie du trotz oder mithilfe deiner ADHS dein Studium rocken kannst, dann habe ich hier ein paar hilfreiche Tipps für dich.

 

Bild: © freestocks.org / unsplash.com
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Autor

Sara Dörwald

Sara ist Redakteurin bei Studienscheiss und studiert Soziale Arbeit in Dortmund. Trotz oder gerade wegen ihrer ADHS-Diagnose kennt sie sich super mit Organisation und Zeitmanagement im Studium aus.

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