Studieren mit ADHS: Ein persönlicher Erfahrungsbericht und Tipps

Studieren mit ADHS: Ein persönlicher Erfahrungsbericht und Tipps für mehr Erfolg im Studium

von Sara Dörwald

Studieren mit ADHS ist nicht einfach, doch du kannst dir trotzdem ein glückliches und erfoglreiches Studentenleben aufzubauen. Diese Tipps können dir helfen

In Deutschland leiden schätzungsweise zwei Millionen Menschen unter ADHS, ohne dass es je festgestellt wurde. Bei denen, die eine diagnostizierte ADHS im Kindesalter hatten, sind es 30-50%, die diese ins Erwachsenenalter mitnehmen. Depressionen, Selbstzweifel, Antriebsstörungen, Suchtpotential… all das gehört zu den sogenannten „Komorbiditäten“, also den parallel auftretenden Symptomen einer ADHS.

Besonders schwierig ist dies für Studenten – sie sollen sich selbst organisieren und disziplinieren, ihre Zeit einteilen, ihren Pflichten nachkommen – und der externe Druck kommt eigentlich erst in der Prüfungsphase, wenn es oft schon zu spät ist, um das Semester richtig zu retten. Und ganz ehrlich – vier gewinnt ist ein eher mäßig cooles Motto für das gesamte Studium.

Mal geht das, ja. Aber immer?

Wenn du (wie ich) unter ADHS leidest oder eine betroffene Person kennst, werde ich dir jetzt ein paar Infos aus erster Hand geben, die dir beim Studieren helfen können. Eine Sache noch vorab: Ich weiß, dass ADHS ganz verschiedene Ausprägungen annimmt. Meine Sichtweise und Erfahrungen sind individuell. Ich spreche damit bestimmt nicht für alle – das ist auch gar nicht mein Anspruch. Ich möchte nur ein bisschen helfen.

 

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ADHS – meine Geschichte

HI. Ich bin Sara, bald 28 Jahre alt und studiere Soziale Arbeit in Dortmund. In diesem Alter wollte ich eigentlich schon „viel weiter“ sein, wie man das so schön sagt. Sprich: Mann, Kinder, Wohnung oder Haus, ein fester Job (ja, ist ein Klischee, aber hey, das ist echt so!). Dass ich noch studiere, liegt an mehreren Dingen, die irgendwie alle auf eine Sache zurückzuführen sind: ADHS.

Nur, dass ich den allergrößten Teil meines Lebens keine Ahnung hatte, dass ich ADHS habe. Und das macht das Leben schwierig und kompliziert. Denn:

  • Ich kann mich nicht „einfach konzentrieren“
  • „Motivier‘ dich mal“ bringt nichts.
  • Ich MUSS manchmal rumzappeln – das kann sehr nervig sein.
  • Und manchmal gucke ich komplett leer und verpeilt in die Gegend – genau wie das Zappeln ist das kontraproduktiv in der Schule (und im Studium)
  • Ich plane viel und gerne – nur setze ich die Pläne nicht um.
  • Ich bin begabt, habe Energie (naja, oft jedenfalls) und will eine Menge erreichen – nur dummerweise alles auf einmal.

Mit all dem umzugehen, ist – positiv gesagt – eine Herausforderung. Mir ist noch niemand begegnet, der eine Herausforderung auf Anhieb bewältigt hätte. Erstmal fliegt man auf die Klappe und später gewinnt man. Und in genau diese Erfahrungen nehme ich dich jetzt ein wenig mit.

 

Planlos

„Liebe Sara, wenn dich etwas interessiert, passt du gut auf und machst gut im Unterricht mit. Du könntest aber aufmerksamer sein, wenn es um Dinge geht, die du nicht so interessant findest.“

Dieser oder ähnliche Sätze standen vier Jahre lang in meinen Zeugnissen in der Grundschule. Meine Mutter hatte von Anfang an den Verdacht, dass ich AD(H)S haben könnte. Kommentar der Ärzte: Das Kind ist nur aktiv und lebendig, es hat kein ADHS. Ja, klar. Den ganzen Tag rumgetobt, ausgetobt, bewegt und abends trotzdem nicht müde.

Was den sprachlichen Bereich angeht hochkonzentriert, in Lesen und Schreiben von Anfang an Lob und gute Noten. Mathe? Von Anfang an verhasst, bis zur 13 hat sich das durchgezogen. Das Abi mit Ach und Krach geschafft (mal ehrlich, auf die 3,2 bin ich nicht stolz…) und keinen Plan gehabt, was ich mit mir anfangen soll.

 

Nach der Schule

Also erstmal ins Ausland. Nicht Australien, aber immerhin weit weg – Uruguay. Ich hab es dort geliebt – die spontane und relaxte Lebensart, kein Druck, viel Freiheit, mich auszuprobieren, das alles kam mir sehr entgegen. Die Familie, in der ich war, eher weniger – zu viele Erwartungen, die mich in die Enge getrieben haben.

Pflichten, die ich nicht verstanden habe. Keine Listen, an denen ich mich hätte orientieren können. Die Projekte, die ich mir selbst ausdenken und verwirklichen durfte, waren dagegen der Wahnsinn. Das waren Sachen, die mich begeistert haben, an die ich mich ohne Kalender erinnern konnte, in die ich meine Energie gesteckt habe. Alles andere? Vergessen, verpeilt, egal.

 

Ausbildung und Arbeit – scheitern (nicht) optional?

Nicht erst im Ausland habe ich gemerkt, dass ich Sprachen liebe und sie recht mühelos lernen kann (naja, die Grammatik jetzt nicht so. Logik ist nicht meine Stärke.) Also machte ich eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin, hatte sehr gute Noten, bestand die IHK-Prüfung echt gut und bekam einen Job, der Spaß machte. Ging gern zur Arbeit. Mein Schreibtisch war organisiert wie nie, weil ich versucht habe, das Chaos in meinem Kopf damit zu bekämpfen. Checklisten waren darauf festgeklebt, alle Arbeitsabläufe festgehalten, ich hatte mir ein Glossar zum Nachschlagen erstellt und alle Eventualitäten bedacht. Nach drei Monaten wurde mir gekündigt. Das passierte genauso noch einmal.

Das warf mich völlig aus der Bahn. Was war denn falsch mit mir? Versagensängste und Gedanken, dass ich dumm und ungenügend bin, komplett undiszipliniert, dass ich nicht wirklich lebensfähig bin – all das stürmte auf mich ein. Ich wollte hinschmeißen. Nicht mein Leben, aber alle Pläne. Wollte abhauen und mich irgendwo verkriechen. Aber das geht ja auch nicht so wirklich.

Plan X: Neustart. Also an der Uni eingeschrieben, die Wartesemester retteten mich durch die Warteliste hindurch – mit meinem Schnitt wäre ich sonst nicht reingekommen. Nach fünf Semestern (von denen ich nur drei so wirklich studiert habe), brach ich ab. Mal wieder.

 

Vielleicht endlich angekommen?

Wenn man nicht ganz weiß, wo man hingehört, ist ein Praktikum oft eine gute Möglichkeit zur Horizonterweiterung. Und weil ich von „normal“ genug hatte, schnupperte ich in einen meinem normalen Leben völlig fremden Bereich hinein – Arbeit mit Drogenabhängigen und Obdachlosen. Am ersten Tag war mir klar – das ist es. DAS will ich machen. Das Studium der Sozialen Arbeit begann ich in Dortmund, wo ich jetzt im dritten Semester bin. Ich liebe es.

Es ist abwechslungsreich, ich mache das Schwerpunktprofil „Straffälligenhilfe“. Ich habe einen Nebenjob in der Drogenhilfe, der mir richtig viel Spaß macht, arbeite hier für Studienscheiss, habe eine Hochschulgruppe gefunden, in der ich mitarbeite. Meine Woche ist mit Aktivitäten so vollgepackt wie nie zuvor – und ich gehe darin auf. Zwischendurch brauche ich meine ruhige Zeit, Zeit nur für mich. Einsamkeit, Spaziergänge, Zeit, um meine Gedanken aufzuschreiben, Gedichte oder Lieder zu verfassen. Zeit, Musik zu hören. Und dann gehts wieder mit Kraft in den Alltag.

 

Mein ADHS und seine Freunde

Ich kämpfe immer noch mit meinem ADHS. Mit den Konzentrations- und Motivationsproblemen. Mit der Antriebslosigkeit und den teils sehr starken depressiven Episoden, die bei mir mit dazu gehören und mich immer wieder einholen – gerade in der dunklen Jahreszeit kommen die richtig raus. Mein ADHS wurde erst vor einem halben Jahr diagnostiziert und ich habe noch keine Behandlung gefunden.

Ritalin und Medikinet vertrage ich nicht und alternative Behandlungsmethoden gibt es zwar, aber die sind mit starken Ressentiments belegt und ich habe mich damit noch nicht zum Arzt getraut. Auch die Krankenkassen sind da skeptisch… und so kämpfe ich momentan mit meinem Terminkalender an meiner Seite um die Vorherrschaft über die Unorganisiertheit in meinem Leben. Wir gewinnen meistens.

 

Tipps und Strategien, die (nicht nur mir) weitergeholfen haben

Im Lauf der letzten Jahre habe ich viele Bücher und Artikel gelesen, Videos gesehen und Informationen zusammengesucht, wie ich am besten mit meinem ADHS umgehen soll. Auf YouTube habe ich einen sehr empfehlenswerten Kanal gefunden – How to ADHD. Vielleicht hilft dir ja einiges von meinen Erfahrungen und Informationen weiter.

 

25-5-25 – Die Pomodoro-Technik

Vor einem Aufgabenberg zu sitzen, ist unglaublich frustrierend. Aber, um es mit einem Glückskeksspruch zu sagen: Jede lange Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Für mich ist dieser erste Schritt oft eine 25-Minuten-Lerneinheit. Meistens wird daraus mehr, sodass ich in Pomodori, also in 25-Minuten-Blöcken, arbeite. Sieh dir diese Technik hier an!

 

Die gute, alte To-do-Liste

Die muss ich allerdings abends erstellen, sonst vergesse ich am nächsten Tag die Hälfte. Dazu benutze ich meistens Papier, wobei ich jetzt den Nachfolger von Wunderlist, nämlich „Microsoft ToDo“ entdeckt habe. Dort kann man To-dos auch einfach verschieben, nach Priorität markieren und sortieren. Hier sind ein paar Tipps dazu.

 

I like to move it, move it! Oder so ähnlich.

20 Runden um den Block. Oder 10 km. Ein paar Hampelmänner, Liegestützen. Die Alternative: sich auf den Boden legen und 20 Minuten in die Luft starren, dabei tief atmen. Manchmal kühlt mich das runter und ich kann wieder klar denken. Manche nennen das meditieren…

 

Die Hände beschäftigt halten – jonglieren

Hast du auch immer einen Stift in der Hand und spielst damit? Oder einen Knetradiergummi? Beim Denken zu jonglieren aktiviert mein Gehirn und hält die Hände beschäftigt. Ob man das jetzt mit Fackeln, Bällen oder Schnapsflaschen macht, ist Ansichtssache. Bei mir funktioniert es am besten mit Bällen.

 

Willkommen in meinem Gedächtnispalast!

Ich habe mir das von Sherlock Holmes abgeguckt. Die Idee eines Gedächtnispalasts kannte ich schon vorher, habe aber begonnen, sie mir zu eigen zu machen. Wusstest du, dass „Sensei Paolo kickt fies“ eine echt gute Möglichkeit ist, sich die vier Entwicklungsphasen nach Piaget zu merken? Der Merksatz ist bei mir im Keller platziert. Ein Vorläufer und Wegbereiter ist die Loci-Methode.

 

Das Genie beherrscht das Chaos

Das Chaos in meinem Kopf auf dem Papier wiederzufinden, mit Verbindungen zu versehen und so Ordnung herzustellen, hat mich schon durch einige Klausuren gerettet. Im allgemeinen Sprachgebrauch nennt man dieses sortierte Chaos „MindMap“. Dabei gibt es keine ideale Variante einer MindMap. Google mal ein wenig, vielleicht findest du da Inspiration. Oder du legst einfach aufs Geratewohl los.

 

Selbstgemachte Tapeten

Besagte Mind-Maps, Bilder, Informationen und Zeitstrahle hängen dann kreuz und quer in meinem Zimmer und manchmal stehe ich jonglierend oder pen-spinnend davor und wiederhole sie. Ein Stück weit ist dies auch eine Verknüpfung mit der oben bereits genannten Loci-Methode.

 

Verfinsterte Aussicht

Manchmal schnappe ich mir einen Non-Permanent-Marker und schreibe Notizen auf die Fensterscheibe. Mal sind das Definitionen, mal Bilder oder Zusammenhänge. Das geht auch mit einem Spiegel. Ungewöhnliche Orte bleiben bei mir im Kopf besser hängen und damit auch die Informationen.

 

Lockere Tagesstruktur

Struktur ist sehr wichtig für mich, aber ich habe gemerkt, dass wenn der Tag zu strukturiert ist und ich eine einzige Sache nicht schaffe, ich frustriert bin. Dann kommt ein „jetzt ist es auch egal“ und ein „der Tag ist eh gelaufen.“ Also lasse ich Puffer zwischen den Terminen, lege grob fest, was ich schaffen will und wenn ich nicht alles schaffe – morgen ist ein neuer Tag.

 

Step by Step, little by little

Je niedriger die Ziele, desto einfacher sind sie zu erreichen und desto mehr Belohnungsmomente gibt es. Die Dopaminausschüttung bei einem simplen Abhaken eines einfachen und schnell erreichten Ziels trägt mich durch manche Frustration hindurch. Mehr dazu kannst du hier lesen.

 

Wer zuerst kommt, schafft das meiste

Je früher ich mit dem Lernen beginne, desto weniger macht die immer mal wieder vorkommende Prokrastination aus. Denn ich habe Puffer eingeplant. Die letzten zwei Semester hat das sehr gut geholfen und mir (nach nur 13 Jahren Schule und fünf Semestern Studium davor) gute Noten beschert. Einen guten Lernplan zu erstellen, ist gar nicht so schwierig und, wenn du es total verplant hast, gibt es hier auch noch Tipps.

 

Es gibt sicher noch viele weitere Strategien und Techniken, die ich erst noch ausprobieren müsste… vielleicht hast du ja auch eine Empfehlung an mich?

 

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Fazit: ADHS im Studium

Studieren ist ohnehin nicht immer einfach – und mit ADHS schon gar nicht. Mit dieser Krankheit kommt nochmal eine Schippe Schwierigkeiten und Hindernisse oben drauf. Doch wie du gelesen hast, muss dich das nicht daran hindern, ein glückliches und erfolgreiches Studentenleben aufzubauen. Es kommt darauf an, wie du deine Probleme anpackst. Ein paar geeignete Methoden habe ich dir in diesem Artikel gezeigt.

Das war jetzt meine Sicht der Dinge, doch wie ist es bei dir? Geht es dir auch so oder ganz anders? Hast du noch mehr Tipps? Was hilft dir weiter? Wie kommst du mit deinem Alltag klar? Schreib mir, schreib in die Kommentare – weiterlernen und neue Dinge auszuprobieren, ist eine der wertvollsten Dinge, die ich mir im Lauf der letzten Jahre angeeignet habe. Kann ich dir nur empfehlen.

 

Bild: © Andrei Lazarev / unsplash.com
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Autor

Sara Dörwald

Sara ist Redakteurin bei Studienscheiss und studiert Soziale Arbeit in Dortmund. Trotz oder gerade wegen ihrer ADHS-Diagnose kennt sie sich super mit Organisation und Zeitmanagement im Studium aus.

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