ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter: Wie ich damit umgegangen bin

von Sara Dörwald

Viele ADHSler erhalten ihre ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter. Wie du einen ADHS-Test erhalten kannst und wie es bei mir gelaufen ist, berichte ich in diesem Artikel.

Es ist der 4. September 2018. Ich stehe nervös am Hauptbahnhof von Münster und suche den Weg zur Klinik heraus. Dort beginnt gleich mein ADHS-Test. Die Ärztin hat mir gesagt, dass ich den ganzen Tag dafür einplanen soll, weil der Test sehr umfangreich sei und verschiedene Teilbereiche überprüfen würde. Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern: Meine Erwartungshaltung war hoch und insgeheim habe ich mich gefreut, denn ich wollte ADHS haben. Nicht, weil die Diagnose so toll wäre, sondern weil es das Chaos in meinem Leben erklären würde.

Eine solche Erklärung suchen viele, die ihre ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter bekommen. Wir suchen den Grund für Gefühlsausbrüche, für die mangelnde Aufmerksamkeit, die niedrige Frustrationstoleranz, die Unzuverlässigkeit. Meinem Test gingen viele kleinere und größere Aktionen voran. Ich ging zu mehreren Ärzten, von denen keiner eine ausführliche Diagnostik durchführte. Ein Neurologe gab mir zum Beispiel einen A5-Zettel zum Ausfüllen, meinte dann „Sie haben ADHS“ und verschrieb mir direkt Medikinet. Wie soll man so etwas ernst nehmen?

 

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Mein Weg zur ADHS-Diagnose

Zum Glück erfuhr ich eines Tages in einem ADHS-Forum von der EOS-Klinik in Münster – einer spezialisierten Einrichtung für Psychotherapie. Ich nahm direkt Kontakt auf und schilderte meine Symptome. Kurze Zeit später bekam ich einen dicken Stapel an Fragebögen zugesendet, den ich ausfüllen sollte. Es wurden Fragen zu meiner Geburt und Kindheit gestellt, zum Verhalten in der Schule, meiner Beziehung zu meinen Eltern und so weiter.

Die Fragen richteten sich jedoch nicht nur an mich – einige Angaben mussten meine Eltern machen, andere schickte ich meinen Freunden und ehemaligen Mitbewohnerinnen. Außerdem wurden Fragen nach Symptomen einer Borderline-Erkrankung, Depressionen, Autismusspektrumsstörungen, Psychosen und weiteren Krankheitsbildern gestellt. Das Ganze war sehr umfangreich. Die gesammelten Antworten leitete ich zurück an die Klinik.

Einige Zeit später bekam ich einen Brief: Bei mir sei die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass ich ADHS hätte. Ich könne an einer ADHS-Testung teilnehmen. Zu diesem Zeitpunkt fiel mir schon ein riesiger Stein vom Herzen, denn endlich wurde ich ernstgenommen. Ich hatte die Chance auf einen professionellen Test.

 

Warum eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter so schwierig ist

Es ist schon bei Kindern nicht einfach, ADHS zu diagnostizieren. Pädagoginnen achten auf das Verhalten von Kindern in ihrer Umgebung und gucken, ob es angemessen und altersgemäß ist. Können die Kinder lang genug stillsitzen und sich konzentrieren? Sind sie teamfähig oder stören sie andere? Suchen sie mehr nach Aufmerksamkeit als andere Kinder? Es gibt viele Dinge, die beobachtet werden. Doch auch wenn Pädagogen ihren Job sehr gut machen, liegen sie oft daneben. Nicht jeder impulsive Junge hat ADHS und nicht jedes stille Mädchen ist schüchtern. Die Anzeichen für ADHS sind nicht eindeutig – und je älter jemand wird, desto schwieriger sind sie zu erkennen. Noch immer glauben viele Menschen, dass ADHS sich auswächst und die Probleme zu Beginn des Erwachsenenalters verschwinden. Doch das stimmt nicht (Mehr Infos dazu).

Bei uns Frauen gibt es eine weitere Schwierigkeit: ADHS wird hauptsächlich bei Jungs und Männern diagnostiziert. Diese sind nach außen auffälliger; wir Frauen sind oft innerlich sehr unruhig (Mehr dazu). Das Problem daran ist, dass man es uns von außen nicht ansieht, dass wir wie ein laufender Flipperautomat mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Eichhörnchens sind. Es ist nicht einfach, einen Experten zu finden, der eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter durchführt. Viele Symptome von ADHS gehen mit anderen Erkrankungen einher: Borderline, bipolare Störungen, Depressionen. Es sind so genannte komorbide Störungen. Wenn diese nicht erkannt oder falsche Diagnosen gestellt werden, dann folgt eine unpassende Behandlung, die alles noch schlimmer machen kann.

 

Wie kommt es zu einer ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter?

Es gibt verschiedene Gründe, aus denen Erwachsene sich testen lassen. Die aus meiner Sicht häufigsten nenne ich im Folgenden, doch es gibt sicherlich noch weitere. Diese Beweggründe haben Erwachse, eine ADHS-Testung durchzuführen:

Dein Kind zeigt ADHS-Symptome

Du bist Elternteil von einem Kind, das ADS oder ADHS hat oder darauf getestet wird. In deiner Kindheit wurde aus irgendeinem Grund kein Test gemacht – vielleicht warst du nicht auffällig genug oder wurdest als „lebendig“ abgestempelt. Möglicherweise hat auch niemand darauf geachtet. Bei deinem Kind erkennst du Vieles, womit du selbst in deiner Kindheit Probleme hattest. Bei einem ADHS-Test bekommen die Familienangehörigen oft die Möglichkeit, ebenfalls getestet zu werden, da ADHS erbliche Komponenten haben kann.

Ein Verwandter zeigt ADHS-Symptome

Der umgekehrte Fall tritt ein: Ein Elternteil oder Geschwisterkind von dir wird getestet. Es kommt immer wieder vor, dass Erwachsene mit 40, 50 oder sogar 60 Jahren getestet werden und eine ADHS-Diagnose bekommen. Auch hier tritt wieder der Fall auf, dass die Familienangehörigen sich testen lassen können.

Du selbst bemerkst ADHS-Symptome bei dir

Dir geht es wie mir: Du oder deine Umwelt haben schon länger das Gefühl, dass du unaufmerksamer als ein Durchschnittsmensch bist. Das hat in der Kindheit oder Jugend angefangen und sich nicht „ausgewachsen“. Du hast versucht, deine Probleme mit Organisation, mit Selbsthilfebüchern und Kursen in den Griff zu bekommen, hast es aber nicht geschafft. Du liest immer mehr über ADHS, ADS und ähnliche Probleme und entschließt letztendlich, dich testen zu lassen.

Andere sehen ADHS-Symptome bei dir

Du bist wegen einer Krankheit in Behandlung – das können beispielsweise Depressionen, eine bipolare Störung, eine Autismusspektrumsstörung sein. Dabei fällt einem Arzt auf, dass du außerhalb dieser Krankheiten Symptome zeigst, die nicht zu einer solchen Erkrankung passen.

Es gibt sicherlich noch weitere Gründe, die eine ADHS-Testung im Erwachsenenalter rechtfertigen. Aus persönlicher Erfahrung und durch den Austausch mit anderen ADHSlern weiß ich jedoch, dass diese vier Beweggründe sehr häufig vorkommen. Doch wie geht es nach einer ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter weiter?

 

Die Auswirkungen der ADHS-Diagnose auf mich

Meine erste Reaktion, nachdem mir meine Diagnose mitgeteilt wurde, war Erleichterung. Durch den Test hatten die Ärzte andere potentielle psychische Störungen und neurologische Auffälligkeiten ausgeschlossen. Da diese mit noch mehr Problemen einhergehen als ADHS, war ich froh, „nur“ ADHS zu haben. Ich wusste, dass es Möglichkeiten gibt, damit umzugehen – und zwar ohne starke Medikamente. Einige Konzentrationstechniken hatte ich schon seit Jahren erfolgreich praktiziert und in meinem Alltag umgesetzt (einige davon beschreibe ich in meinem Buch) Ich musste meine Unzuverlässigkeit, meine Vergesslichkeit und meine niedrige Frustrationstoleranz nicht mehr als unausweichlich akzeptieren – Dank der Klarheit über die Ursachen gab es nun einen Ansatzpunkt für Veränderungen.

Nach der Erleichterung kam ein großer Anstieg meiner Selbstsicherheit. Ich konnte überlegen, wie es konkret weitergeht – keine schwammigen Ideen, sondern ganz klare Planung. In der Uni gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, bei bestimmten Erkrankungen einen Nachteilsausgleich für Prüfungen zu beantragen. Studierende erhalten dann die Möglichkeit, allein in einem Raum zu schreiben oder bekommen mehr Bearbeitungszeit für Klausuren. So etwas ist für einen ADHSler, der durch jedes Geräusch abgelenkt wird, natürlich super!

Doch wie kommst du zu einer Diagnose?

 

Wer kann eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter stellen?

Eine professionelle ADHS-Diagnose können nur Fachärzte stellen – dazu gehören auch Hausärzte mit entsprechender Fortbildung. Mehr dazu erfährst du hier. Entsprechende Ärzte und Anlaufstellen kannst du oft über deine Krankenkasse, über deine Hausärztin oder im Internet finden. Vielleicht musst du eine Weile suchen, bis du einen Platz für eine Testung erhältst. Viele Fachärzte haben mehr Patientenanfragen, als sie annehmen können und es bilden sich lange Wartelisten. Vor allem bei Psychotherapeuten musst du manchmal mehr als ein Jahr warten. Bei meiner Suche habe ich erfahren, dass viele Fachkliniken, die sich auf ADHS und andere neurologische Auffälligkeiten spezialisiert haben, auf etliche Monate ausgebucht waren.

 

Was kannst du bis zu deiner Testung machen?

Du musst nicht bis zu einer Diagnose warten, um dein Leben umzugestalten und etwas zu ändern. Auch für eine potentielle ADHSlerin oder einen nicht diagnostizierten ADHSler gibt es Optionen. Ich habe mehr als 15 Jahre vor meiner Diagnose angefangen, mich mit Selbstmanagement, Organisation und Produktivität zu beschäftigen. Dadurch konnte ich meinem Leben mehr Struktur geben und meine Konzentrationsschwierigkeiten in den Griff bekommen. Es war nicht immer einfach und ich bin oft gescheitert. Aber trotz dieser Schwierigkeiten habe ich viele positive Entwicklungen in meinem Leben herbeiführen können.

 

Wie kannst du auf eine Diagnose reagieren?

Herzlichen Glückwunsch, du hast den Hürdenlauf geschafft und eine Testung erhalten. Willkommen im Club der ADHSler! Am Anfang wirst du nicht wissen, was du jetzt machen sollst – fang einfach hiermit an: Such dir einen Arzt. Genau wie bei der Suche nach einer Testung wirst du wahrscheinlich lange warten müssen. Das ist jedoch kein Grund, die Suche abzubrechen oder gar nicht erst zu starten. Diese Webseite ist ein guter Startpunkt.

Mach dich auf die Suche nach Gleichgesinnten. Es gibt viele ADHSler, die sich auf Facebook, Instagram Twitter oder in Foren organisieren! Gib „ADHS“ in die Suche ein und du wirst sehen, dass du nicht allein bist. Und wenn du gut Englisch kannst, dann erweitere die Suche auf ADHD (Attention Deficit Hyperactivity Disorder). Eine andere Möglichkeit sind Selbsthilfegruppen; hier eine Übersicht.

Ich habe mich während meines Studiums getraut, in der WhatsApp-Gruppe meines Studiengangs nachzufragen, ob dort jemand ADHS hat oder wen kennt, der wen kennt… Die Rückmeldungen waren sehr positiv. Egal, wie du es angehst: Werde aktiv! So wächst dein Netz an Menschen, die vielleicht schon mehr Erfahrungen haben und mit denen du dich austauschen und dir Tipps holen kannst. Apropos Tipps…

 

Tipps für ADHSler

Während meiner Recherchen zum Thema Zeit- und Selbstmanagement, Organisation und Produktivität fand ich KEIN Buch, das auf ADHSler zugeschnitten war. Darum habe ich mir aus den verschiedensten Büchern Tipps zusammengesucht: Bücher, die für Geschäftsleute geschrieben waren, für Autorinnen, Studenten, Selbstständige… Vieles davon habe ich ausprobiert und noch mehr frustriert beiseitegelegt.

Damit es dir nicht ebenso geht und du viele Jahre deiner Lebenszeit darauf verschwendest, Tipps und Tricks zu finden, habe ich das für dich erledigt – und selbst ein Buch geschrieben (hier geht’s zum Buch). Du kannst von meinen Erfahrungen und Recherchen profitieren, die ich in meinem Buch zusammengefasst habe. Auf jeweils zwei Seiten stelle ich dir eine Technik vor und gebe dir Übungen an die Hand, damit du mit deiner ADHS zusammenarbeiten kannst. Darüber hinaus erfährst du, wie du deine Umgebung zu deinem Vorteil gestaltest und wie du aus einem Motivationstief herauskommst. Eine XXL-Leseprobe findest du hier:

 

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Mit diesem Buch bekommst du deine ADHS in den Griff und wirst endlich erfolgreich lernen können. Aber das Beste ist: Über 60 Seiten bekommst du geschenkt! Trage dich dazu einfach in die E-Mail-Liste ein:

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Fazit

Eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter zu erhalten, ist nicht einfach. Du brauchst Zeit, Geduld und Ausdauer. Du musst nach dem passenden Arzt suchen, dranbleiben und nachhaken. Immer und immer wieder – bis du Erfolg hast und zu einer Testung zugelassen wirst. Das nervt, ist schwierig und muss organisiert werden – doch es lohnt sich! Ob sich beim Test herausstellt, dass du ADHS hast oder eine andere neurologische Auffälligkeit: beide Ergebnisse liefern Erklärungen und neue Handlungsansätze. Selbst, wenn bei dir keine Anomalie diagnostiziert wird, kannst du einige Ursachen für deine Probleme ausschließen.

Denkst du gerade auch über eine ADHS-Testung nach oder kennst einen Menschen aus deinem Umfeld, der eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter erhalten hat? Welche Erfahrungen hast du mit diesem Thema? Schreib es mir gerne in die Kommentare unter diesem Artikel – ich lese jeden Beitrag mit großem Interesse und freue mich auf den Austausch.

 

Bild: © Audrey Fretz / unsplash.com
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Autor

Sara Dörwald

Sara ist Redakteurin bei Studienscheiss und studiert Soziale Arbeit in Dortmund. Trotz oder gerade wegen ihrer ADHS-Diagnose kennt sie sich super mit Organisation und Zeitmanagement im Studium aus.

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